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Alkohol zur Stressbewältigung: Gerade erfolgreiche und leistungsfähige Menschen laufen Gefahr, bei Belastung, Stress und beruflichem Druck Alkohol einzusetzen, um weiter volle Leistung bringen zu können. Eine kurzfristig scheinbar wirksame Lösung, die mit erheblichen Risiken verbunden ist. Aber wann wird es gefährlich? Alkoholprobleme, Alkoholabhängigkeit, diese Gedanken erscheinen erstmal so abwegig. Wo stehe ich? Und wie kann man rechtzeitig gegensteuern?

 

Gastbeitrag von Andrea Hillenbrand

Ein Beispiel aus meinem Patientenkreis

Stephan L. führt ein gutes Leben. In seinem Job ist er geschätzt und hat sich zum Betriebsleiter hochgearbeitet. Er ist verheiratet, das Paar hat zwei Kinder, ein Junge, ein Mädchen, so richtig klassisch. Die Familie baut jetzt ein Eigenheim, und Stephan L., durch seinen Grundberuf handwerklich topp, steuert so viel Eigenarbeit bei wie nur möglich, um die Kosten im Rahmen zu halten. Täglich nach seiner regulären Arbeit steht er für Stunden auf der Baustelle, natürlich auch das ganze Wochenende, und das über Monate. Wenn er nach Hause kommt, ist die Familie längst im Bett, sein Körper schmerzt von der Dauerbelastung und im Kopf kreisen die Gedanken, was noch zu tun ist und über die Finanzierung.

Ein, zwei Gläser Rotwein helfen, den Kopf endlich still zu kriegen, zur Ruhe zu kommen und einschlafen zu können, denn morgen früh geht es wieder weiter. Das Zeug hilft. Mit der Zeit gewöhnt sich Stephan L.s Körper und vor allem sein Gehirn an den beruhigenden Stoff und er braucht nun mehrere Gläser, ja eine Flasche um die gleiche Wirkung zu erzielen. Später nimmt er was Härteres dazu, weil er diese Menge gar nicht trinken kann. Noch abends so, es soll doch jetzt nur seinen Zweck erfüllen.

Von all dem bekommt die Familie lange nichts mit. Stephan L. ist und bleibt der fleißige Versorger. Bis er eines Abends zusammenbricht, den berstenden Glascouchtisch unter sich begräbt und sich im Krankenhaus wiederfindet.

 

Alkohol zur Stressbewältigung

Leistungsträger sind gefährdet

Solche Beispiele könnte ich Ihnen hunderte erzählen. Von fleißigen, pflichtbewussten, kompetenten, zielorientierten Menschen, die als Lösungsversuch bei Überlastung und Stress zu Alkohol gegriffen haben, mehr oder weniger zufällig, da der gute Rotwein oder das Feierabendbier oder der gute Whiskey am Abend sowieso üblich war. Und sie alle machten die Erfahrung, dass der Alkohol zunächst sehr gut dabei half, weiter so leistungsfähig zu sein, nicht nachzulassen. Sie alle merkten erst viel zu spät, dass sie ein Alkoholproblem entwickelt hatten, indem Sie Alkohol zur Stressbewältigung genutzt hatten.

 

Alkoholiker? Ich doch nicht!

Alkoholiker gelten meist als faul und dissozial, als willensschwach. Ein Bild, das wir uns gemacht haben, von einigen auffälligen Beispielen, die im Endstadium der Krankheit sind, und das doch unser Bild von einem Alkoholkranken prägt. So bin ich aber nicht! Das macht es umso schwerer, sich selbst zu hinterfragen, ob man sich nicht selbst auf gefährlichem Weg in Sachen Alkohol befindet. Nein, so bin ich doch nicht!

Das glaube ich Ihnen. So ist Stephan L. auch nicht.

 

Was können Sie nun tun?

Als Selbstcheck für eine mögliche Gefährdung könnten diese Fragen dienen:

  1. Trinke ich Alkohol in einer Funktion, also mit einem anderen Ziel neben dem reinen Genuss, z.B. zum Stressabbau, um einschlafen zu können, um selbstsicherer in der Öffentlichkeit aufzutreten, um bei Belastung trotzdem weiter arbeiten zu können?
  2. Ist Alkohol zu meinem bevorzugten, ja vielleicht sogar einzigen Mittel geworden, um dieses Ziel zu erreichen?
  3. Könnte ich den Alkohol für eine Zeit lang weglassen, ohne dass ich für mich oder andere unangenehm werde (z.B. reizbar, unleidlich)? Oder versuche ich es gar nicht, weil ich viele gute Gründe finde, warum ich jetzt doch Alkohol trinke?

 

Zum Gegensteuern könnten Sie folgendes probieren:

  1. Ich mache mir klar, bei welche(n) Ziel(en) mir der Alkohol hilft, und suche mir mindestens 3 Alternativen, wie ich dieses Ziel auch ohne Alkohol erreichen kann und übe das alternative Verhalten 3 Wochen lang.
  2. Ich mache mir Menge und Häufigkeit meines Alkoholkonsums bewusst und versuche,
    – mehr alkoholfreie Tag pro Woche zu haben als Tage mit Alkohol (bei scheinbar nicht so hohem aber häufigem Konsum)
    – bzw. (bei seltenem, aber massivem Konsum) nicht mehr bis zum Rausch zu trinken.

 

Professionelle Hilfe

Sollten Sie dabei Schwierigkeiten feststellen, empfehle ich Ihnen, sich professionelle Unterstützung zu holen. Dies kann in einer Suchtberatungsstelle, einer Selbsthilfegruppe oder bei einem spezialisierten Psychologen sein. Wenn Sie rechtzeitig reagieren, kann dies ein „Wake-up-Call“ sein, durch den Schlimmeres verhindert werden kann. Gemeinsam mit einem Profi können Sie feststellen, in welchem Ausmaß Sie Alkoholmissbrauch betreiben oder evtl. schon eine Alkoholabhängigkeit entwickelt haben. Davon sollte dann auch die Entscheidung über Ihren zukünftigen Umgang mit Alkohol abhängen. In der gemeinsamen Arbeit können die Ziele hinter Ihrem Konsum verstanden und alternative Ansätze entwickelt werden. Ressourcen und Stärken, die Sie mitbringen, werden wieder mehr in den Vordergrund geholt.

 

Balance als Prävention

Um es nicht soweit kommen zu lassen, dass Alkohol zur Stressbewältigung dienen „muss“, gilt es die Balance zu halten. Weniger arbeiten ist dabei nicht unbedingt die Devise, Sie sollen Ihre Fähigkeiten ruhig einsetzen und Ihre Leistung bringen! Wichtig ist dabei, die anderen Lebensbereiche nicht aus den Augen zu verlieren und vor allem seine stützenden Beziehungen zu pflegen. Freundschaften und Selbstfürsorge müssen sein, und im Idealfall auch das Kraft schöpfen aus einer Halt gebenden Paarbeziehung. Denn dies können Mademoiselle Chardonnay und Mister Gorbatschow niemals ersetzen.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gutes Gelingen bei der Selbstreflektion und „à votre santé!“

 

Andrea Hillenbrand

 

Über die Autorin

Andrea Hillenbrand, geb. Salewsky, ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Wiesbaden. Ihre fachliche Heimat als Therapeutin bildet die Individualpsychologie nach Alfred Adler und Rudolf Dreikurs. Sie sammelte gut ein Jahrzehnt lang Erfahrung in der Suchttherapie in der Saaletalklinik Bad Neustadt, bevor sie von 2011 bis 2015 die Institutsambulanz der Wiesbadener Akademie für Psychotherapie (WIAP) leitete, eine der größten psychotherapeutischen Ambulanzen Deutschlands, und dort Psychotherapeuten ausbildete. Seit 2015 ist sie in eigener Privatpraxis in Wiesbaden niedergelassen und bietet individualpsychologische Beratung, Psychotherapie und Lehre an. Im Hörfunkprogramm von HR1 gibt sie Tipps und Hilfestellungen zu psychologischen Themen.

 

Profilfoto Andrea Hillenbrand

 

 

Infos zu ihr und ihrer Arbeit finden Sie

auf ihrer Homepage:

www.andrea-hillenbrand.de

 

 

 

 

 

P.S.: Ich hoffe, Ihnen hat der Gastbeitrag von Andrea Hillenbrand gefallen!

Speziell für die Abonnenten meines Newsletters haben wir die Fragen zum Selbstcheck, Ideen zum Gegensteuern sowie ein Brainstorming für alternative Stressbewältigung im Download-Bereich zusammengestellt.

Tragen Sie sich für meinen Ressourcenfokus-Newsletter ein, dann informiere ich Sie über neue Beiträge und Inspirationen rund um Burnout-Prävention, Stressbewältigung und Wohlbefindenssteigerung.

Herzlichst Ihre Sabine Machowski

 

P.P.S.: Was meinen Sie hierzu? Haben Sie in anspruchsvollen Situationen auch schon einmal mehr zum Alkohol gegriffen? Oder wie gehen Sie mit anspruchsvollen Situationen um? Wie achten Sie auf Ihre Balance? Ich freue mich über Ihre Antworten und Erfahrungen sowie Ihre Fragen rund um das Thema Stressbewältigung, Burnout-Prävention und Selbstfürsorge im Berufsalltag – gerne hier als Kommentar unter dem Beitrag oder in einer E-Mail an info@ressourcenfokus.de.

 

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